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In Naomi Schencks „ Archiv verworfener Möglichkeiten“. Belleville Verlag, 2011 erschien Felix Römers Prosatext „Tote Fische"  u.a. neben Texten von Feridun Zaimoglu, Wilhelm Genazino und Roger Willemsen

Im Jubiläumsband „Geistesblüten" , 35 Jahre Berliner Autorenbuchhandlung ,Herbst 2011, erschien Felix Römers Prosatext „Hinter Bernhard gehen"  u.a. neben Texten von Günter Grass,Jonathan Franzen und Elfriede Jelinek.

 

                                               TOTE FISCHE(Textprobe)


(Mann schweigt und schaut ins Aquarium)

MANN Hattest du schon Sex mit ihr? Ich meine guten Sex? (er zieht sich seine Hose an)

MANN Mach dich nicht unglücklich!

(FRAU zieht ihm noch einmal die Hosen aus. Er schweigt)

FRAU Du erträgst keine Nähe. Das ist alles. Angst vor Nähe hast du! Aber zum Flachlegen war ich immer gut. (plötzlich sehr laut) Fickfleisch auf Abruf!

(Er steht auf. Die Frau hält ihn fest)

FRAU Du gemeines Dreckschwein. Mich wirst du nicht auf den Müll werfen! Du totes Stück Scheiße! Hast nur noch Lust auf das Unerreichbare! Das entflammt dich noch.Weil du anders zu einem guten Gefühl nicht mehr fähig bist! Völlig gestört! In einen Blender hab ich mich verliebt. Und in deine schütteren Haare. Und in deine schmächtige Gestalt. Und in deinen grellen Humor und in dein dreckiges Lachen. Gott, warum bist du so kaputt?!! Warum hab ich mich schon wieder in einen so einen beschädigten Mann verliebt? Wenn du dich sehe könntest. Deine toten Augen am morgen, so tot wie Deine Fische! Warum seid ihr bloß alle so mickrig!? So tot! Wie oft muß man euch hintereinander morgens, mittags und abends den Schwanz in den Mund nehmen, damit ihr noch irgendetwas spürt? Du bist eine einzige Tragödie. Die Tragödie eines lächerlichen Mannes!  (Stille.Sie umarmt ihn plötzlich) Es tut mir leid. Ich liebe dich. (er will aus dem Bett; sie küßt ihn ganz wild ab). Verlass mich bitte nicht. Lass mich nicht um deine betteln. Bitte! LIEBE MICH! Du bist kein Blender. Du hast mir mein Herz ganz aufgerissen. Du bist so wunderbar. Sag was! Bist du verliebt in sie?

MANN Nein.

FRAU (Hoffnung schöpfend) Nein?

MANN Nein. Ich liebe sie! Wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. Und jetzt laß mich bitte gehen.

(Sie steigt aus dem Bett, geht zum Aquarium und kippt es, wie einen Eimer Wasser, mit aller Kraft, um. Die Fische springen auf dem Boden um ihr Leben. Einige haben es bis ins Bett geschafft. Er befreit sich aus ihrer Umarmung, geht die Treppe hoch, ohne sich umzudrehen. Sie greift in ihre Handtsche, nimmt eine Pistole zur Hand und erschießt ihn von hinten. Der Mann purzelt, wie in einem klassischen JamesBondfilm, sehr gekonnt, die Treppe hinunter. Einige Sekunden Stille, dann springt ihm ein einzelner Fisch mit letzter Lebenskraft auf sein Gesicht; nach mehrmaligem Zucken bleibt er darauf liegen)

REGISSEUR: Aus! Sehr gut. Aber wir müssen es leider noch einmal machen. Der Schluß...Rüdiger...also wie Du da gefallen bist...fall einfach die Treppe runter. Mehr nicht. Du bist ja hier in keinem Casting für´n neuen James Bond Film. Steffi, wie immer, großartig. Ich liebe dich! Haben wir noch ´ne Ladung Fische?

 

                                                         

 

                                          HINTER BERNHARD GEHEN


Anfang der Achtziger, an einem unerträglich heißen Julinachmittag ging ich auf der Wiener Kärtnerstraße zehn Minuten mit etwa fünf Metern Abstand, fünf Minuten mit etwa drei Metern Abstand und mindestens zehn Sekunden im direkten Windschatten hinter Thomas Bernhard her.

Gegen 14 Uhr verließ ich eine Ausstellung der Albertina und schlenderte an der Rückseite der Oper entlang, darüber nachdenkend wie ich diesen angefangenen Nachmittag über die Runden bringen sollte. Ich lehnte mich bei der brütenden Hitze ein paar Minuten an die schattige Hinterfront des Opernhauses - den die Wiener bekanntlich nur den Arsch der Oper nennen – und blätterte mechanisch in der Ausstellungsbroschüre. In dem Augenblick, als ich das Blatt Papier infolge meiner Müdigkeit zu Boden fallen ließ, sah ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite den Dichter Thomas Bernhard aus dem Haupteingang des Hotel Sacher kommen. Beinahe traumwandlerisch überquerte ich die Straße und hörte wie in Watte gepackt das grelle Hupen der Autos und das harte Quietschen der Bremsen. Als ich auf der anderen Straßenseite angelangt war, wusste ich, ab jetzt kann mir der Dichter – komme was wolle – nicht mehr entkommen. Am liebsten hätte ich mein Glück, eine Armlänge hinter meinem Lieblingsdichter her zu gehen, mit den anderen Fußgängern geteilt. Merkwürdigerweise drehte sich kein einziger Passant nach dem großen Dichter um. Für kurze Zeit ging ich sehr nah hinter ihm her, eingehüllt in seine Duftwolke aus zu stark aufgetragenem nach Leder und Moschus riechendem Rasierwasser. Sein dunkler Rollkragenpullover war derart verschuppt, dass ich ihm den nach frischem Schnee aussehenden Belag am liebsten herunter geklopft hätte. An der Ecke Kärtnerstraße/ Walfischgasse blieb der Dichter plötzlich stehen. Um ein Haar wäre ich ihm in die Fersen getreten. Vermutlich spürte er, dass ihn jemand verfolgte.
Auf Höhe der Frickschen Buchhandlung ging Bernhard zum Auslagenfenster, als wollte er sich vergewissern, ob sein neuester Roman, Der Untergeher, gebührend prominent platziert worden war. Ich stellte mich unmittelbar neben dem Dichter und hatte Angst, dass Bernhard mein Herz hämmern hört. War es doch jene Buchhandlung, in der ich mir erst vor drei Tagen, also am Erscheinungstag, den Untergeher gekauft hatte, dessen schwarzgelben Einband wir jetzt beide bestaunten, als wäre es ein neues Alfa Romeo Modell.
Wäre mein Mund vor Aufregung nicht gar so ausgetrocknet gewesen, hätte ich ihm erzählen müssen, dass ich ein Wiener Schauspielstudent und seit drei Jahren eingefleischter Bernhardfan bin, dessen Liebe sich zur Sucht gesteigert hat, deren Wirkstoff Bernhardin heißt. (Mit diesem Lebenselixier in Taschenbuchdosis ließ sich das erstickende Achtziger-Jahre-Klima Österreichs ein wenig besser ertragen.)
Was würde Bernhard wohl denken, dachte ich, hätte er gewusst, dass ihn jemand verfolgt, der manche seiner Bücher seitenweise auswendig kann? Sofort hätte ich mitten auf der Kärnterstraße die berühmte dreiseitige Rede des Saurau-Fürsten aus meinem Lieblingsroman Verstörung zum Besten geben können. Also jenes Kapitel über die Hochwasserkatastrophe im Lusthaus auf Hochgobernitz. Genauso gut hätte ich aber auch den Siebenundzwanzigsten Tag, also das Schlusskapitel aus seinem Debütroman Frost herunterbeten können. In dem Zusammenhang hätte ich ihm auch von meinem deutschen Schauspielkommilitonen Rolf erzählen müssen, der mit mir nicht nur eine Wohnung am Wiener Nuttengürtel teilte (Wohnen war dort besonders günstig), sondern auch die Liebe zu Thomas Bernhard. Und weil Kommilitone Waffenbruder heißt, hätte ich ihm von jenen Kämpfen berichten müssen, die wir regelmäßig ausgefochten haben, wenn es darum ging, wer die Erstausgabe eines Bernhardschen Werkes zuerst in die Hände bekam. Rolf hatte stolz behauptet, er hätte den Untergeher gleich am besagten Samstagnachmittag als Erster gekauft. Was nicht zählte, denn ich hatte Freitag früh bereits um 8.45 Uhr vor der Frickschen Buchhandlung gestanden, um gleich bei Geschäftsöffnung als erster Kunde den Untergeher zu kaufen.
Weil Du ein elender Frühaufsteher bist, antwortete mir Rolf daraufhin ärgerlich.
Und wie viel kannst Du schon auswendig, fragte ich Rolf, der mir in vielen Dingen, aber nicht in der Kunst des Auswendiglernens überlegen war. Häufig saßen wir uns wie zwei Duellanten beim Frühstückstisch mit gezückten Büchern gegenüber und wollten uns gegenseitig mit langen, aber auch komplizierten Passagen übertrumpfen. Ich gab ihm also den Untergeher und schlug die Seite 28 auf, weil sie auf unser Schauspielstudium wie die Faust aufs Auge passte. Noch bevor Rolf Luft holen konnte, rezitierte ich "alle Hochschulen sind schlecht und die wir besuchen, ist immer die schlechteste, wenn sie uns nicht die Augen öffnet. Was für miserable Lehrer haben wir zu erdulden, die sich an unseren Köpfen vergreifen. Kunstaustreiber sind sie alle, Kunstvernichter, Geisttöter, Studentenmörder."
Manchen Paaren ähnlich, die mitsingend immer wieder dieselbe Platte hörten, sprachen wir mehrere Morgen hintereinander dieselben Bernhardschen Lieblingspassagen, solistisch oder im Duett. In den verschiedensten Varianten und Lautstärken machten wir uns mit bestimmten Texten wach. Manchmal steigerten wir uns in skandiertes Brüllen hinein und weckten damit die nebenan wohnende Nutte aus dem Schlaf, die dann wütend mit Fäusten gegen die Wände trommelte.
Es dauerte nicht lange, bis wir in jeder Lebenslage Bernhards Stil imitierten und nur noch in den bekannten Bernhardschen Übertreibungen sprachen. Bevor wir gemeinsam zum Unterricht aufbrachen, sagten wir zum Beispiel: "Lass uns zu unseren Studentenmördern gehen, also in jene Schule, wo der Dilettantismus seine Wohnstatt hat, wo wir 12 Stunden von 24 krebsgeschwürigen Kommilitonen umgeben sind, die sich allesamt für Genies halten, aber naturgemäß in der tiefsten Provinz landen werden, wo sie für ihre grenzenlose Dummheit bestraft werden, weil sie selbst für den Selbstmord zu dumm sind."
Als wir im zweiten Studienjahr unsere Küche ausmalten, sprühten wir mit bunten Farbdosen Bernhardzitate auf die Wände. Auf der breitseitigen Wand stand in großen goldenen Lettern gewissermaßen die Essenz des Dichters EINERSEITS ANDERERSEITS EINERLEI.

In dem Augenblick, als ich endlich mutig den Dichter ansprechen wollte, ging er weiter die Kärnterstraße hinunter, scheinbar zufrieden über die Platzierung seines neuen Romans. Ich trottete ihm wie ein Hund hinterher und jeden Meter fiel mir eine neue Geschichte ein, die ich dem Dichter hätte erzählen wollen. Denn erst vor drei Wochen hatte ich mit meinem Kommilitonen unserem damaligen Schauspielgott Bernhard Minetti gehuldigt, als er bei einem Gastspiel des Schauspielhauses Bochum mit dem Weltverbesserer am Wiener Akademietheater aufgetreten war. Selbstverständlich kauften wir uns, obwohl wir beide kein Geld hatten, zwei Plätze der teuersten Kategorie, um das Geschehen aus nächster Nähe zu verfolgen. Nicht nur das. Wir leisteten uns als einmaliges Vergnügen eine Fiakerfahrt vom Burgtheater über die Ringstraße zum Akademietheater. Hinten im Verschlag sitzend spielten wir Kaiser Franz Joseph und Sissy und winkten huldvoll den Passanten zu, wobei ich damals die Frauenrolle übernahm.
Ganz im Sinne der Bernhardschen Regel, dass jede Übertreibung übertrieben werden muss, gingen wir nach der fulminanten Aufführung mit dem letzten Ersparten in der Tasche zu den Drei Husaren. Eins der besten, aber schon damals spießigsten Lokale der Wiener Innenstadt. Waren die Kellner anfangs noch von unserer Heiterkeit, dem jugendlichen Furor entzückt, den wir sofort in der Gaststube verbreiteten, wurden sie im Viertelstundentakt immer entsetzter über unser Gebaren, welches an diesem Abend keine Grenzen kannte. Nach einer halben Flasche Tokajer Wein sprachen wir nämlich die wie Pinguine aussehenden Kellner nur noch im Bernhardschen Duktus an, übertrumpften uns gegenseitig mit lautstarken Minettiparodien, bis der Kellner gegen Mitternacht einen hölzernen Paravent aus dem Toilettenbereich vor unseren Tisch stellte und uns im wahrsten Sinne wie wild gewordene Affen vor dem übrigen feinen Drei Husaren Publikum abschirmte.

Das alles hätte ich dem Dichter gerne auf dem Weg zum Stephansdom erzählt. Als wir nach etwa zehn Minuten dort angelangt waren, reckte Bernhard seinen Kopf zur Kirchturmspitze und verweilte eine Zeit lang in dieser Haltung. In aller Ruhe konnte ich jetzt sein eindrucksvolles Dichterprofil betrachten. Die fleischige Nase, die von einer großporigen, an Pockennarben erinnernden Haut überzogen war, das kräftige Kinn, der beinah weiblich sinnliche Mund und die ausgedünnten, von Kopffett und Körperschweiß triefenden Haare. Während ich ihn so ansah, überlegte ich zum letzten Mal, ob und wie ich Bernhard am besten ansprechen sollte.
Entschuldigen Sie die Störung, lieber Herr Bernhard – nein, viel zu devot.
Sehr geehrter Herr Bernhard – aber du schreibst ihm doch keinen Brief!
Plötzlich löste sich der Dichter aus seiner reptilienartigen Reglosigkeit, drehte sich um sah mir in die Augen, als hätte er die ganze Zeit über nicht nur gewusst, dass ich ihn verfolge, sondern (Dank seiner dichterischen Hellsichtigkeit) auch alles, was ich währenddessen dachte.
Mit ziemlich hohem Tempo überquerte Bernhard dann den Stephansplatz, bog in die Singerstraße und ein paar Meter weiter in die Blutgasse ein, welche eine der schmalsten und daher auch dunkelsten Gassen der Wiener Innenstadt ist. Um nicht aufzufallen, hielt ich an der Ecke Singerstraße an. Als Bernhard im zweiten Drittel der kurzen und kopfsteingepflasterten Blutgasse angelangt war, lugte ich um die Ecke und sah, wie der Dichter (Ich glaube am Haus Nummer Sieben) den Klingelknopf betätigte. Er wartete ein paar Sekunden, sah sich noch einmal um, ging eine zweistufige Steintreppe hoch und verschwand hinter der sich öffnenden schweren Holztür.
Erst nach einer Weile betrat ich die Blutgasse, als würde ich gewissermaßen den Flur seiner Privatgemächer betreten. Ich stellte mich vor die Türe, an der Bernhard sich eben noch nach mir umgesehen hatte. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich der einzige Mensch in der Blutgasse war. Ich betrachtete das Klingelschild, an dem kein einziger Name stand. Ich sah hoch zu den Fenstern, konnte aber niemand entdecken. Die Blutgasse war völlig ausgestorben.