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Für die Deutschlandsaga - Fanzine der Berliner Schaubühne im Rahmen der Theaterproduktion Deutschlandsaga 2008 schrieb Römer die Serie

 

                   "G´schichten aus dem Wiener Wirtshaus"


„1- Wie Figl die Russen unter dem Tisch soff".

„2- Armstrong betritt den Mond und ich werde Piccolokellner".

„3- Die Medaillenhoffnung Schranz wird in Sapporo disqualifiziert und ich lerne Tanzen".


„4- Der Fall Lucona, Frostschutzmittel im Wein, Großvaters Tod und ich gehe nach Deutschland".

„5- Nicht viel los in den österreichischen Neunzigern. Zeit für ein paar Privatismen".

„6- Kehraus mit Natscha Kampusch. Noch eine Letzten. Dann ist Sperrstund`!".

DEUTSCHLANDSAGA .heimat.de/home/schaubuehne/Fanzine_50er.pdf (Bei Amazon in Buchform erhältlich)

 


                               1- Wie Figl die Russen unter dem Tisch soff

 

In den frühen Fünfzigern hatte mein Großvater eine ebenso simple wie geniale Geschäftsidee. Er ließ sich mit Frau und Tochter - meiner zukünftigen Frau Mama - am äußersten Stadtrand Wiens nieder, baute sich da ein Gasthaus und wurde Wirt. Zwar hatte er vom Wirtschaften keine Ahnung, dafür war er, wie wir bei uns sagen, ein begnadeter „Schmähführer“. Und weil er in dieser Gegend der einzige Wirt war, und schon mehrere Kriegskameraden meines Großvaters ebenfalls hier wohnten, brummte der Laden nach kurzer Zeit so sehr, daß man zurecht von Opas Gastwirtschaftswunderzeit sprechen kann.

Zur selben Zeit hatte unser damaliger Außenminister Figl, trinkfest wie er war, in Moskau, so geht die Mär, mehrere russische Deligierte unter den Tisch gesoffen. Mit dem Staatsvertrag gleichsam als Gastgeschenk in der Tasche und der damit verbundenen immerwährenden Neutralität Österreichs, kam er frohgelaunt nach Wien zurück, trat mit der Urkunde auf den Balkon des Belvedereschlosses, und rief sein berühmt gewordenes „Österreich ist frei!“ in die jubelnde Menge. Bis nach Wien konnte man Adenauer fluchen hören, so sehr hat er sich bekanntlich über „diese ganze österreichische Schweinerei“ aufgeregt. Denn einerseits haben wir unsere Anschlußopferrolle immer besser gespielt, andrerseits haben wir die 35 000 „Reichsdeutschen“, die sich bei Kriegsende noch bei uns aufhielten, über Nacht die Koffer packen lassen - aber bitte nicht mehr als 30 Kilogramm - und als unerwünschte Ausländer heim ins Reich geschickt; ganz zu schweigen vom Geniestreich der österreichischen Diplomatie, nämlich das gesamte deutsche Vermögen auf österreichischem Boden zu liquidieren. Figl, mit allen Wassern gewaschen, ging aber noch weiter und verlangte von den Nachbarn zusätzlich Reparationszahlungen; getreu dem Motto „man wird´s ja noch probieren dürfen“, worauf Adenauer angeblich geantwortet haben soll, „Hitlers Gebeine kann er bekommen“. Glücklich ist, wer vergißt! Aber heißt vergessen nicht auch, sich erinnern? Und wo kann man beides besser als im Wirtshaus? Gut einschenken, Felix, höre ich meinen Großvater noch heute sagen; vor allem dem Herrn Pochalek (Isonzofront; einbeinig;doppelter Weltkrieger mit Gamsbart). Wie ein nachbehandelnder Arzt kam mir Großvater manchmal vor, wenn er die Phantomschmerzen seiner Gäste mit Wein, Mehlspeisen oder einem guten Witz linderte; der halbe Stammtisch war ja kriegsversehrt. Daher sagte meine Großmutter - wenn die Gäste wieder einmal nicht nach Hause gehen wollten - der Krüppeltisch will schon wieder bei uns übernachten.

Bald kamen die ersten Deutschen in Großvaters Gasthaus. „Wat kost´n hia der Wein“ rief so mancher von ihnen der Haustochter, also meiner Mutter, zu, wenn sie mit vollbeladenem Tablett im Dirndl an ihnen vorbeirauschte. (Zu später Stunde schauten sie nicht nur tief ins Glas, sondern gerne auch in ihren Ausschnitt.) „Deitsche!“, flüsterten dann die Stammgäste und steckten ihre hochrot weinseligen Köpfe wie zu einem einzigen großen Wirtshauskopf zusammen. Herr Doktor, bitte noch eine Portion Topfenknödel mit Zwetschkenröster – bittesehrbittegleich. (Und für mich noch ein Stamperl Marillenschnaps!). Die schwere Süße legt sich wie eine zweite Haut über alles. Das ganze Blut wird zum Verdauen benötigt, man entspannt sich, es wird „gemütlich“, der „Schmäh“ rennt und alles is leiwand-dulliöh.

„´S wird schöne Madl´n geb´n und wir werd´n nimma leb´n“ singt zu später Stunde der Versehrtenstammtisch, zusammen jetzt, mit „die Deitsch´n“ schunkelnd, im Chor; gewissermaßen als österreichische Antwort auf den Anschluß. Schon bald wird zu Großvaters jugoslawischer Küchenhilfe, der Ljubica, noch eine weitere billige Arbeitskraft hinzukommen - nämlich ich. Einmal täglich werde ich mich zum Gaudium der Gäste vom Herrn Pochalek erschrecken lassen, wenn er mir, ein leises Servus auf den Lippen, seinen linken Armstumpen zum Gruße hinhält.

Ach ja, das frischrenovierte Burgtheater hat feierlich wiedereröffnet, wo der Schauspieler als pointen servierender Kellner gleichsam der König ist; neben dem Kaiser natürlich – und der ist bei uns immer noch der Kellner!


 

      2 - Armstrong betritt den Mond und ich werde Piccolokellner


Meine Geburt fiel auf einen Freitag, Anfang der Sechziger, gegen acht Uhr morgens; eine dumme Zeit für´s Gebären, weil just um acht Großvater sein Gasthaus immer aufsperrte. Deshalb konnte er seine Tochter auch nicht höchstpersönlich aus dem Krankenhaus abholen, weil bekanntlich das Freitagsgeschäft für jeden Wirten das beste Geschäft der Woche ist.

Zur selben Zeit war Kennedy zu seinem ersten Staatsbesuch in Wien. Leider war eine Stippvisite in Großvaters Gasthaus nicht vorgesehen; somit entging ihm eine köstliche Gulaschsuppe und der Anblick des Versehrtenstammtisches. Der Herr Präsident hat sich im geschlossenen Wagen durch Wien fahren lassen - nicht aus Angst vor einem Anschlag - sondern weil es so geregnet hat. Nur wenige konnten daher einen Blick auf die bezaubernde Jackie werfen, und auf ihr türkisfarbenes Kleid.

Die wichtigste Frage meines Großvaters an diesem Freitag war ohnehin - Bub oder Mädel. Leider wog der Bub bei seiner Ankunft nur schlappe Zweikilozehn; also ab in den Brutkasten, womit sich die Ausbildung zum Piccolokellner noch um einige Wochen verzögerte.

Nach Kennedys schwungvoller Abschiedsrede – vor 21 Jahren i was swimming in the Wörthersee, i hope es wird nicht wieder 21 Jahre dauern, bis ich - war plötzlich seine Frau verschwunden. Helle Aufregung am Flughafen. Da hinten in der Ecke stand sie und plauderte sehr angeregt mit der Tochter unseres Bundespräsidenten, angeblich über Mode. Man munkelt, sie wäre bei diesem Staatsbesuch die einzige gewesen, die fließend englisch sprach.

Mit neun Jahren, also kurz vor der Mondlandung, bekam ich den Ritterschlag zum Piccolokellner, weil ich die Doppelliterflaschen mit einer Hand ausschenken konnte; zwischendurch nahm ich meine weiße Schürze ab und besuchte manchmal die Volkschule. War nämlich viel zu tun im Geschäft, wurde ich vom Direktor beurlaubt, der natürlich ein Duz-Freund und Stammgast meines Großvaters war. Wollte Großvater mich für´s Freitagsgeschäft beim Direktor gewissermaßen freikaufen, kostete das meinem Großvater einen Doppelliter Roten. Wäre es nach dem Direktor gegangen, hätte ich nie die Schule besuchen brauchen. Leider ist er in den Siebzigern, wie manch anderer Stammgast, in der berühmten Trinkerheilanstalt Kalksburg gelandet, wo gleich nebenan das nicht minder berühmte Jesuitengymnasium Kalksburg liegt. Also jene Schule, die ich schon bald auf Geheiß meines Großvaters besuchen sollte.

Vorher aber betritt Armstrong noch den Mond. Am 16. Juli 1969 stehe ich mit Großvater auf dem Holzpodest hinter der Theke, wie auf einer Bühne, und lausche mit ihm, unser beider Köpfe eng aneinandergeschmiegt, der Direktübertragung im Radio; auf den Bänken sitzen dicht gedrängt die Gäste, manche übereinander, einige auf dem Fußboden. Nie zuvor war so eine Stille in einem Gasthaus.

Laut war es nur ein paar Meter weiter im Hörsaal I der Uni Wien, den revolutionäre Studenten besetzt hatten. Vorlesungen konnten nicht abgehalten werden. Auch schwere Ausschreitungen unter Anwesenheit des Bundespräsidenten gab es. Aber der Rektor sagte, es wird nicht so weit kommen wie „draußen in Deutschland. So was tolerieren wir nicht.“ Recht hatte er. Beim Prozeß der drei Hauptakteure blieben die erwarteten Tumulte aus. Alle waren sie wieder brav und saßen gesittet auf der Sünderbank. Niemand wollte sich mehr an die Vorgänge erinnern, die während des Absingens der Bundeshymne stattfanden, für die der Reporter damals keine Worte fand. So sind sie eben, die Österreicher. Tagsüber gegen das Establishment und abends ab ins Wirtshaus.

Übrigens, das politische Klima im damaligen Österreich hieß „Proporz“. Ein weltweit einmaliges Klima. Es bezeichnet die Aufteilung des Landes in Rote und Schwarze. Wer kein Parteibuch hatte, blieb draußen. Spötter sagen, dieses beschissene Klima könne man noch am Scheißhaus riechen, weil selbst der Posten einer Klofrau nach dem Parteibuch vergeben wurde. In Großvaters Gasthaus war es nicht anders. Nur daß hier die Roten und Schwarzen eben Rotwein und Weißweintrinker hießen. Da mußte viele Jahre später ein Mann aus Kärnten nach Wien kommen - braungebrannter Feschak im Trachtenlook - um in diesem Land die Trinkkultur ordentlich durcheinander zu bringen und ein drittes, nach alten Zeiten schmeckendes Gebräu salonfähig zu machen. Eine Weile wurden wir dafür weltweit geächtet. Zurück am Wörthersee kuriert der Lodenwirt nun seinen Kater aus, während im restlichen Österreich schon längst wieder nur Roter und Weisser getrunken wird.

Glückliches Österreich!

      3- Die Medaillenhoffnung Schranz wird in Sapporo disqualifiziert und ich lerne Tanzen

Ich bin zehn Jahre und gehe in die Hauptschule. Hauptsache ich muß nicht mehr so viel kellnerieren, denke ich mir; und Mädchen sind auch da. Manchmal bringe ich der Inge, einer Wirtstochter aus dem Nachbarort, heimlich aus Großvaters Mehlspeisentheke einen angezuckerten Topfenkolatschen mit. Sie bedankt sich höflich, aber so recht anbeißen will sie nicht. Im Jahr darauf ist dann mit Mädchen für längere Zeit Schluß. Großvater schickt mich nämlich auf Wiens berühmtberüchtigtes Kollegium Kalksburg, ein Jesuitengymnasium, wo es nur Buben gibt, soweit das Auge reicht; und wie fette Pinguine aussehende Patres.

Einer der bekanntesten Schüler des Instituts ist „der dicke Fredl“ Sinowatz, unser späterer Unterrichtsminister der 7o-er Jahre; also jener gleichsam dreizehn goldenen österreichischen Jahre, in denen Bundeskanzler Kreisky wie ein französischer Sonnengott das Land regiert. Und auch uns Schülern ging es gut - weil der dicke Fredl die Schulbücher gratis an uns verteilen läßt. Einmal in der Woche müssen wir in Zweierreihe in der hauseigenen Kapelle zur Beichte antreten, dafür dürfen wir dreimal in der Woche nachmittags den neuen, hinter dem Schulgebäude errichteten, Schilift benutzen. Die ganze Nation war ja in den Siebzigern schinärrisch bis hin zur vollkommenen Verblödung, ausgelöst vor allem durch einen Helden - den Siegfried des österreichischen Wintersports- Karl Schranz. Leider wurde die Medaillenhoffnung Schranz bei den olympischen Winterspielen 1972 im japanischen Sapporo disqualifiziert, weil er unerlaubte Werbung für Mineralwasser mit seinem Trikot machte. Während im Nachbarland die revolutionären Zellen sich schon zum bewaffneten Kampf gegen den bundesdeutschen Rechtsstaat rüsteten, lag Österreich in einer tiefen Identitätskrise. Hier gab es keine Spaltung in Bürger und Staat, nein – noch selten zuvor hat ein sportliches Ereignis eine Nation so geeint. Sinowatz hat unseren damaligen größten Sportler aller Zeiten daher auch höchstpersönlich vom Flughafen abgeholt und ist mit ihm und dem kilometerlangen Festzug dahin marschiert, wo in Österreich immer alle hinmarschiert sind und sich versammelt haben, wenn es galt, einen verlorenen Sohn wieder heimzuholen, nämlich zum Wiener Heldenplatz. Seit jenen Tagen im März 1938 hat es in diesem Land keine solche makabre Massenkundgebung mehr gegeben. Ist dochbesser, die Leut´ rennenhinter dem Schranz her als hinter dem Hitler, haben einige gesagt. Statt Sieg Heil!, haben sie jetzt Karl, Korl oder Karli! geschrien, im Chor mit dem Bundeskanzler. Später ist er ja auf das Land längere Zeit beleidigt gewesen, der Kreisky, und wollte sich am liebsten nach einem anderen Volk umschauen; weil er den Österreichern doch ein so schönes Atomkraftwerk hat bauen lassen, und dann hat dieses Volk 1977, bei einer europaweit beispiellosen Volksabstimmung, gegen sein Bauwerk gestimmt; ein Bauwerk, das doch, wie er immer betonte, mehrere Milliarden Schilling gekostet hat, und das dürfe nicht verrotten. Kreisky wußte, der Österreicher läßt nichts verrotten, was viel kostet. Diesmal hatte er sich aber getäuscht; das war dann auch derAnfang vom Ende seiner 13 jährigen Ära. Wie es dann auch noch zu Demonstrationen kam – natürlich friedlichen, natürlich welchen mit der Parole „kein Brokdorf in Zwentendorf“ - sagte er „ich werde mich doch nicht von ein paar Lausbuben ärgern lassen.“ Muß er aber – und will schon zurücktreten – tritt dann aber vom Rücktritt zurück, und sagt in einer historischen Pressekonferenz „ich kann mich ja deshalb nicht aufhängen - gibt es halt kein Kernkraftwerk!“.

Ich bin jetzt 17 Jahre und besuche den Tanzkurs. Auf der einen Seite stehen wie im Spalier die Kalksburger Buben, auf der anderen die blauweiß uniformierten Klosterschülerinnen des Ursulinerinnenordens. Ich kriege schweißige Hände und eine viel zu große Partnerin.

In einem Jahr werde ich reif sein und, wie es bei uns so schön heißt, die Matura machen. Danach werde ich eine Zeit lang studieren und die Früchte der Politik vom dicken Fredl genießen. Werde also keine Studiengebühren zahlen müssen und viel Stipendium bekommen, das ich zeitlebens nicht zurückzahlen muß. Ich werde am Wochenende weiterhin in Großvaters Gasthaus kellnerieren, um mein Taschengeld aufzubessern und werde mich nicht mehr vom Versehrtenstammtisch ärgern lassen müssen, weil alle tot sind.

Ach ja - heute werde ich der großen Ursulinerin wieder einen angezuckerten Topfenkolatschen aus Großvaters Mehlspeisentheke mitbringen. Ich hoffe, sie wird heute anbeißen. Ich glaube, heute beißt sie an. Ich weiß es. Sie heißt Inge!


 

4 – Der Fall Lucona, Frostschutzmittel im Wein, Großvaters Tod und ich gehe nach Deutschland.

In den Achtzigern geht Österreich in vielerlei Hinsicht unter. Einmal mit Udo Proksch, Enfant terrible und halber Unterwelter, Chef der kaiserlich königlichen Hofzuckerbäckerei Demel, der berühmtesten Konditorei Österreichs. Scheinbar brauchte er zur Renovierung seines Nobeletablissements ein wenig Bargeld. Also chartert er einen Frachter namens Lucona; belädt ihn mit einer für 212 Millionen Schilling versicherten Uranerzaufbereitungsanlage und läßt ihn schließlich im pazifischen Ozean mitsamt der Besatzung in die Luft sprengen. Sechs Menschen sterben. Der geplante Versicherungsbetrug fliegt auf; die angebliche Urananlage bestand nämlich nur aus Schrott und Proksch muß lebenslänglich ins Gefängnis. Etliche seiner Duz-politkerfreunde sind in den Fall verwickelt, müssen zurücktreten und Österreich hat den größten Skandal der Nachkriegsgeschichte. In der Karlau, gleichsam dem Stammheim von Österreich, stirbt Proksch nach einer Herzoperation - und fünfzehn abgesessenen Jahren.

Gleich danach geht das Land mit Kurt Waldheim noch einmal unter. Ein ehemaliger SA-ler wird Bundespräsident. Und weil er sich nicht mehr erinnern konnte, einst bei einem SA- Reiterkorps gewesen zu sein, sagte Bundeskanzler Sinowatz in seiner humorigen Art, „ nehmen wir also zur Kenntnis, daß nicht Kurt Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd!“ Waldheim bekommt Einreiseverbot in die USA und Österreich wird weltweit geächtet.

Das alles hätte das Land gut verkraftet. Weil man ja mit unserer legalen Volksdroge, dem Wein, alles ach so glücklich vergessen kann. Aber auf einmal taucht ein böses Wort auf und dieses Wort wird Wort des Jahres 1985 und heißt Glykol! Das Wort kommt aus dem griechischen und heißt süß. Bitter ist nur, daß es zu deutsch einfach ein Frostschutzmittel ist und massenhaft in den österreichschen Wein hineingepantscht wurde. Jetzt wollte niemand mehr anstoßen mit dem heimischen Tropfen, unserem wichtigsten Exportgut. Und schon sind wir mitten im Gasthaus meines Großvaters. Der schwört auf sein Leben, nie einen gepantschen Wein ausgeschenkt zu haben. Jedenfalls nicht sich und seinen Stammgästen. Kurz darauf stirbt er. Und das ging so. In den letzten Wochen hatte der Krebs von einem stattlichen Wirten nur noch Haut und Knochen übrig gelassen. Und weil Großvater jetzt 85 ist und er nicht ins Spital, geschweige ins nahe gelegene Lainzer Krankenhaus wollte - wegen des damaligen Mordschwesternskandals, wo Pflegerinnen wochenlang dutzendePatienten umbrachten – saß er bald nur noch am sogenannten Katzentisch, trocknete Gläser und wartete auf sein Ende. An einem Sonntag im Wonnemonat Mai sagte Großvater am morgen zu mir - Felix, sperr´ das Gasthaus auf, schenk´ den Gästen heute besonders gut ein, ich setz mich schon mal raus zum Sterben. In den letzten Tagen war das Gasthaus immer brechend voll. Hätte es der traurige Anlaß nicht verboten, man hätte Platzkarten ausgeben müssen. Dichtgedrängt saßen die Gäste, auf den Eckbänken sogar übereinander; aber auch am Boden hockten welche, weil sich niemand das letzte Glas meines Großvaters entgehen lassen wollte. Dann wurde es aufeinmal still. Großvater nimmt mit seiner rechten, langsam und beinahe zärtlich, wie ein Oberpriester des Wirtshauses, ein letztes, ein leeres Rotweinglas in die Hand und hält es wie einen Kelch in die Höhe. Als könnte er in dem Glas alle seine Gäste ein letztesmal, wie durch einen Vergrößerungsspiegel sehen und damit auch die lange Zeit und die vielen Erlebnisse, die er mit ihnen geteilt hatte. Dann stellte er das Glas ab, breitete das Geschirrtuch darüber, lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ein paar Wochen später wird das Gasthaus verkauft.

Ich bin kein Wirt geworden, sondern gehe zum Theater. Noch während der Schauspielschule bekomme ich ein Engagement am Burgtheater und serviere den Leuten dort, wie ich´s bei Großvater selig gelernt habe, Pointen statt Schnitzel mit Kartoffelsalat. Als 1988 Claus Peymann die kaiserlich königliche Servieranstalt, mit einem für viele Abonnenten schwer verdaulichen Speiseplan übernimmt, und viele der dortigen Lieblingskellner und Serviermädel auf die Straße setzt, hat Österreich endlich wieder einen handfesten Theaterskandal; da bin ich aber schon zwei Jahre in Deutschland; am Theater Krefeld gebe ich meine erste Nacktrolle - noch lange vor der Schaubühne – im Skandalstück der Saison, „Totenfloß“. Meine Rolle heißt Itai und ist ein Strahlenopfer von Tschernobyl.

In diesem Jahr schickt mir meine Mutter allmonatlich Brösel mit der Post; für die Schnitzelpanier. Garantiert nicht verstrahlt, wie sie mir versichert; weil die doch vom Bäcker um die Ecke sind.


 

     5 – Nicht viel los in den österreichischen Neunzigern.  Zeit für ein paar Privatismen.

 

In den Neunzigern ist ja nicht viel los in Österreich. Also im Land selber. An seinen südlichen Grenzen jedoch herrscht Krieg. Innerhalb von zehn Tagen erkämpfen sich die Slowenen ihre Unabhängigkeit. Wie eine Wolke zieht der Krieg nach Kroatien weiter und dehnt sich über zehn Jahre lang über das ganze Land aus. Dennoch mache im Sommer 92 Urlaub in Istrien. Weil es hier so schön ist. Die Strände sind jetzt leer und die Kuchentheken voll und noch nie hat sich ein kroatischer Kellner so gefeut, mich zu bedienen.

Bei uns zuhause alles ruhig und wenig Skandale. Die 80-er waren ja voll davon. Vom gepantschen Wein geht auch keine Gefahr mehr aus. Glykol wird wieder als reines Frostschutzmittel verwendet. Auch der bekannte und angeblich vielfache Prostituiertenmörder Jack Unterweger, der das Land monatelang in Atem gehalten hatte, sitzt im Gefängnis. Selbst an Kurt Waldheim, unserem ehemaligen SA- Präsidenten hat sich die Bevölkerung gewöhnt. Er sitzt seine letzten Tage in den gefängnisdicken Mauern der Wiener Hofburg ab, und wartet auf seine Ablösung. Im Unterschied zu Waldheim schenken aber viele Österreicher, vor allem etliche Intellektuelle, den Unschulds- beteuerungen des angeblichen Prostituiertenmörders Unterweger mehr Glauben als jenen Waldheims, was seine Dritte-Reich-Vergangenheit anlangt und schreiben die Petition an ihn „ Freiheit für Jack Unterweger“. Unterweger konnte vor allem wunderbar dichten, weshalb er später auch als Häfenpoet in die österreichische Literatur eingegangen ist. An manchen Tagen hat er abends am liebsten Lesungen in der Nähe seiner jüngsten Tatorte veranstaltet; er war ein fescher Bursch und seine Lesungen immer ausverkauft. Als letzte Amtshandlungbegnadigt Waldheim also Unterweger, gewissermaßen von Mörder zu Mörder, und Unterweger wird tatsächlich freigesprochen. Leider hat er nach seinem Freispruch eine Zeit lang das Dichten sein lassen. Er geht wieder auf den Wiener Gürtelstrich, wo er etlichen Huren mit seinem wunderbaren wiener Schmäh wieder den Kopf verdreht; dann dreht er ihnen den Hals um. Angeblich. Lesungen macht er jedenfalls keine mehr. Er bekommt lebenslänglich und erhängt sich nach der Urteilsverkündigung an einer Querverstrebung seiner Toilette mit einem Schnürsenkel. Die Frage, war er´s oder nicht, nimmt er mit in´s Grab.

Währenddessen bin ich in Deutschland draußen und von einer deutschen Frau Vater eines Buben und eines Mädels geworden. Ich bin in den Dreißigern und es ist höchste Zeit für eine Therapie. Immer am Montag um acht Uhr morgens habe ich meine Stunde. Ich muß mit dem Fahrrad einen kleinen Berg hochfahren. Anfangs brauche ich dafür über zwanzig Minuten. Nach der dritten Stunde nur noch zehn. Ich bin noch nie so gerne aufgestanden. Die Therapeutin ist dunkelhaarig, äußerst langbeing, trägt kurze und schwarze Röcke und sieht Juliette Binoche zum Verwechseln ähnlich. Nach einem Jahr gestehe ich ihr meine Liebe, worauf sie leider die Therapie abbricht. Wenigstens auf einen Kaffee hätte sie sich mit einem Patienten aus der Geburtsstadt Freuds einlassen können. Daraufhin beginne ich mehrere Theaterstücke zu schreiben, die zu meiner großen Freude alle aufgeführt werden. Eines über die äußerst schwierige Beziehung zu meiner Mutter; ein anderes über meine noch schwierigere Beziehung zur Mutter meiner Kinder, das dritte über die Liebe im allgemeinen und im besonderen. Um die Stücke nicht mit mir in Verbindung zu bringen wähle ich als Pseudonym kurzerhand den Namen meines Großvaters selig. Sein Gasthaus ist ja in den 80ern verkauft worden. Ich war der Alleinerbe. Weil aber Großvater selig zu Lebzeiten den Weissen und Roten Wein immer so billig anseine Stammgäste ausgeschenkt hat – warum verschenkst du ihn nicht gleich, hat meine Großmutter mehrmals am Tag schimpfend zu Großvater gesagt – war ich lediglich ein Alleinerbe mit Schulden. Das wenige Geld, was mir blieb, verspielte ich in diversen Kasinos. Zeitweilig fühlte mich als junger Dostojewskji. Nur daß ich halt nicht so gut schreiben konnte wie er. Und leider auch nicht so viel Geld hatte zum Verspielen. Spätestens jetzt hätte ich wieder eine Therapie gebraucht; aber zu einem männlichen Therapeuten wollte ich auch nicht.

Einmal im Jahr fahre ich nach Wien und besuche das Gasthaus meines verstorbenen Großvaters. Vorübergehend geschlossen“ steht jedesmal an der Tür. Der neue Wirt war nämlich gar kein Wirt, sondern lediglich ein Servierer. Und Schmäh hatte er auch Nullkommjosef. Deshalb ist er eingegangen. Wie auch sein Nachfolger. Mein Großvater hinterläßt eine stattliche Riege lauter gescheiterter Wirten. Vielleicht sollte ich ja doch das Gasthaus übernehmen, denk ich mir manchmal, wenn´s mit dem Theater bergab gehen sollte. Aber in den Nullerjahren komme ich ja an die Schaubühne. Und das Gasthaus meines Großvaters bekommt wieder einen ordentlichen Wirten.

Ganz schön viel los wieder!

 

       6 – Kehraus mit Natascha Kampusch. Noch einen Letzten. Dann ist Sperrstund´!

Die Nuller sind endlich angebrochen, auch in Österreich. Herrliche Zeiten, weil´s Gasthaus von Großvater selig ist wieder offen. Weil neuer Wirt. Ich bin in den Vierzigern und in Berlin an der Schaubühne. Seit kurzem gibt´s auch hier einen neuen Wirt. Einen naturalisierten Niederbayern mit neuer Speisekarte, den erwartungsfrohen Gaumen des verwöhnten Publikums kitzelnd.

Zur gleichen Zeit taucht eines Tages, in einem Wiener Vorgarten eine pausbäckige, achtzehn Jahre junge Frau auf und erzählt der erstaunten Nachbarin, sie sei Natascha Kampusch. Die Nachbarin fällt beinahe in Ohnmacht. Die Kampusch! Jene, stottert die, welche vom Priklopil gefangen acht Jahre lang in dem schuhkartongroßen Kellerverließ mit schwerem Deckel drauf und - Ja, ich bin´s, sagt sie. Ein eloquenter Kaspar Hauser mit messianischen Zügen. Schon spricht man vom Fall Kampusch. Größere Polizeiaktion hat das Land noch nicht erlebt.

Zufällig bin ich damals gerade in Wien auf Besuch. Gehe wie jeder ordentliche Wiener zuerst auf den Friedhof und dann ins Gasthaus – in das von Großvater selig, das neu eröffnete, wohlgemerkt.

Setze mich neben dem vollbesetzten Stammtisch. Wie gut, daß niemand weiß, daß ich der Suttnerenkel bin. Unbemerkt schau´n, wie die neue Speisekarte mundet. Beuschel-mit-Knödel-Herrlichkeit gibt es zwar keine mehr; aber ein Gulasch und ein Seidl Bier ist auch ein Lebenselexier, wie´s so schön heißt. Den Stammtischlern zuhören, wie sie rot und weißweinselig - ein Lynchmob im Gasthaus - über den Kampusch-Kerkermeister Wolfgang Priklopil herfallen, wie sie sich gegenseitig überbieten im Erfinden grausamster Hinrichtungsarten, während ich mein zartes Gulasch verzehre. Priklopil hat nämlich den Freitod der gerechten Strafe vorgezogen. Das hat ihm Österreich bis heute nicht verziehen. Bitte noch einen G´spritzten! Bei jeder Bestellung durchzuckt es mich wie ein Stromstoß und ich will schon hinter die Schank. Legt der seinen Kopf einfach auf den Bahndamm in der Nähe des Wurstelpraters und wartet auf den herannahenden Zug, sagt der eine. Ich bin doch in dem Zuggesessen, sagt ein anderer Gast. Eine S-Bahn war´s. Schauerlich sag´ich euch. Noch eine Runde! Ich trinke ein Glas Veltliner auf Großvater selig und seh´ ihn plötzlich hinter der Schank auftauchen. Felix, sitz´ nicht bei die Leut´ rum, Wirtshaus!, komm und servier´! Also stehe ich auf und gehe hinter die Schank. Ich hab einen leichten Ruck gespürt, als der Zug über die „Beschtie“ drüberfuhr, sagt der eine. Manchmal hat er ihr aus der Zeitung vorgelesen, „schau Natascha, da steht wieder was über uns drin“, hat er gesagt, sagt ein anderer.

Kampusch ist ja ganz in der Nähe vom Gasthaus meines Großvaters aufgewachsen. Also da, wo auch ich schon als Kind gespielt habe. Ich erinnere mich, wie gerne ich mich damals in großen Schachteln versteckt habe, in denen vorher Lebkuchen drin waren. Die hab ich in kleinen Sackerln abgwogen; pro Sackerl ein Lebkuchen gestibitzt für den Einwieger. Am Schluß war die große Schachtel mir. Im Winter neben die Heizung gestellt, ich hinein und Deckel drauf. Ganze Tage da drin verbracht. Draußen, das war ja keine feine Gegend. Die Burschen haben sich einander mit „Servus, du Hurenkind“ begrüßt. Ein wienerisches Woyzeck Biotop eben. Kinderbanden mitKampfhunden, mindestens so gefürchtet, wie manche wiener Hausmeister. Du glaubst, du bist in einem Ulrich Seidl Film. „Hundstage“ kam ein Jahr nach dem Fall Kampusch heraus. Erhellenderes über Österreichs Dunkel hat vor ihm kaum jemand erzählt. Später wird die Kampusch sagen, sie hätte nicht allzuviel versäumt, bei ihrem Kerkermeiste: „Was hätt ich draußen denn schon gemacht. Zelten am Ziegelteich, Kiffen in der Tiefgarage oder Tretbootfahren an der Donau“.

Alles dreht sich in mir, nach dem wievielten Veltliner eigentlich? Ich sitze aufeinmal am Stammtisch und denke über österreichische Kindheiten nach. Schachtelkindheiten eben. Größere und Kleinere. Aber acht Jahre dauern die meisten. Und manche noch länger. Und die Glück haben, landen am Theater. Aber eine fesche Tochter hat der neue Wirt. Wie Großvater selig meine Mutter damals. Die hat zwar kein Dirndl an, aber einen Ausschnitt, der noch viel Publikum ins Gasthaus bringen wird. Servieren und prostituieren. Womit wir wieder beim Theater wären. Ein guter Wirt sucht sich sein Publikum aus. Und manche suchen den Stammgast, wenn er nicht zur üblichen Zeit erscheint. Meist ist dann nämlich etwas Schlimmes passiert. Fast immer war dann einer gestorben. Ich werfe noch einen Blick ins Extrastüberl. Hier gab´s die Hochzeitsmäler, Muttertagsjausen und Leichenschmause. Und zu späterStunde ging´s hier hoch her. Damals, als der Wirt auch eine Art Zuhälter war. Aber das ist lange her. Sehr lange. Gibt es eigentlich noch eine andere Stadt auf der Welt, von der aus Wien schöner ist als Berlin? Sperrstund´is. Aber nicht für Stammgäste. Noch einen Letzten. Prost! Auf das neue Jahrtausend und - Auf die Töchter des Hauses!